Mölln - Heute vor 48 Jahren sank die Pamir. Viele Legenden ranken sich um das deutsche Segelschiff. Der Möllner Fritz Müller-Scherz hat eine weitere hinzugefügt. Und ein anderer Möllner, Matthias Esche, lässt sie verfilmen.
Es war heute vor 48 Jahren, als das Schiff der deutschen Handelsmarine im Hurrikan nach Backbord kippte und im brodelnden Atlantik südlich der Azoren versank.
80 Seeleute ertranken, nur sechs von ihnen überlebten. Knapp 4000 Tonnen Gerste hatte die Viermastbark geladen. Das Unglück geschah auf der Rückfahrt von Südamerika. Und in Lübeck verfolgte ein kleiner Möllner das Geschehen im Radio.
Zwölf Jahre war Fritz Müller-Scherz damals alt, als er unter Deck auf einer holländischen Tjalk mit dem Namen "Gute Erwartung" saß. Das Schiffchen lag an der Lübecker Teerhofinsel. Es war 1945 sein Geburtsort auf dem Möllner Ziegelsee gewesen. Müller-Scherz hatte die ersten sieben Lebensjahre darauf gewohnt. "Die Nachricht vom Untergang der Pamir hat mich nie mehr losgelassen", sagt Müller-Scherz heute, 48 Jahre später.
Er hat ein Drehbuch daraus gemacht. Voraussichtlich im Herbst wird der Zweiteiler im Ersten gesendet. "Die aufwändigste Fernsehproduktion des Jahres", sagt Polyphon-Geschäftsführer Dr. Matthias Esche (54), ebenfalls ein Möllner. Nur zehn Sekunden habe er überlegt, dann sei seine Entscheidung gefallen, den Film zu machen. Zurzeit dreht das Filmteam auf Teneriffa.
Esche bezeichnet den Untergang der Pamir als ein starkes, emotionales Ereignis. "Es ist ein intensiver Fernsehstoff". Der Mann hat ein Händchen für erfolgreiche Filme. "Forsthaus Falkenau" oder "Der Fürst und das Mädchen" sind seine Produktionen. Esche gilt als einer, der weiß, was Menschen am Bildschirm emotional bewegt.
Bei der ersten Begegnung der beiden Möllner wusste er allerdings kaum, wie tief das Schicksal der Pamir und ihrer Besatzung dem 60-jährigen Drehbuchschreiber unter die Haut gegangen war. Zumal Autor Müller-Scherz später in Lübeck lebte und von seinem schwimmenden Geburtsort auf das Schwesterschiff "Passat" in Travemünde blickte. Inzwischen war Müller-Scherz ein Volontär der Lübecker Nachrichten, Carl Lankau war Chefredakteur, Hans Crantz war Chef vom Dienst. Und Müller-Scherz sah immer wieder vor seinem geistigen Auge, wie die "Pamir" unterging. Geschrieben hatte er noch kein Wort über diese Tragödie. Erst vor gut anderthalb Jahren, im Zug, auf dem Weg zu Produzent Esche fiel ihm das Thema wieder ein. Neben ihm im Speisewagen sein Freund Klaus J. Behrendt, der in dem Film den Bootsmann Aki Lüders spielt. Den Helden.
Lüders hat seine Frau verloren, hat eine kleine Tochter, hat eigentlich sein Leben als Seemann aufgegeben, er trinkt, versucht vergeblich, sich das Leben zu nehmen. Aber er kommt zurück an Bord der Pamir, gewinnt neue Zuversicht. Wie ihn führt Autor Müller-Scherz die Figuren seines Films auf der "Pamir" zusammen. Aber er legt Wert darauf, "dass sie alle frei erfundene Figuren sind", dass "wir niemanden verunglimpfen wollen".
An den Tatsachen des Untergangs hat er allerdings knallhart recherchiert. Er hat die Seeamtsverhandlung nach dem Unglück in Lübeck aufgearbeitet. Er hat zwischen Bordplänen und Schiffszeichnungen gesessen. Er war immer wieder auf dem Schwesterschiff in Travemünde. Er wusste, wo jede Winsch steht. Und er sah Bootsmann Lüders, den Kapitän, den Offizier, alle seine Helden um sich herum.
Sieben Monate, täglich zehn Stunden habe er an den beiden Drehbüchern geschrieben. "Wenn ich mit dem Schreiben morgens begonnen habe, bin ich an Bord gegangen", sagt Müller-Scherz. Er sei, sagt er, "eben leider perfektionistisch". Und er hat Erfolg. Mit Wim Wenders und Rainer Werner Fassbinder hat Müller-Scherz zusammengearbeitet. Sein erstes Stück schrieb er mit neun Jahren. "Die Hundeflucht" hieß es. Er war sogar Darsteller in "Kir Royal" und in "Reporter". Jetzt schreibt er schon wieder an einem neuen Drehbuch, an einem Dreiteiler, verrät er. Mehr nicht.
Ein Großer im Filmgeschäft, ein gefragter Autor. Mölln hat Fritz Müller-Scherz aber nie vergessen. Erst kürzlich habe er die Stadt besucht. Ist seinen Erinnerrungen an die Kindheit nachgegangen. Die "Gute Erwartung" lag damals unterhalb des Bahndamms. Da, wo früher Tennis gespielt wurde. "Die Station der Wasserschutzpolizei war nicht mehr da", sagt er.
Und wieder lief ein Film vor seinen Augen ab. Wie er als kleiner Bengel ins Wasser gefallen war und ihn die Polizisten immer wieder herausholten. "Die hatten aber nicht viel anderes zu tun, die spielten immer Karten." Die Station gibt es dort nicht mehr. Nur die alten Uferweiden, unter denen er gespielt hatte, die standen noch da und bewegten ihre biegsamen Zweige im Wind.
Der berühmte Autor ging unerkannt durch die Möllner Hauptstraße, erinnerte den Weihnachtsmarkt, der damals immer neben dem Hotel Stadt Hamburg war, er sah sich als kleinen Jungen mit einem gemieteten Roller mit Ballonreifen durch Mölln stromern. Hier ist Müller-Scherz auch zur Schule gegangen. Er weiß nicht mehr, wie die Schule hieß. Aber kann sie noch beschreiben. "Das war so ein modernes, helles Gebäude. Und wir hatten einen netten Lehrer. Ich wollte da gar nicht weg."
Heute lebt der Möllner in Berlin. Schreibt und schreibt und schreibt. Und er betreibt eine Bar. "Green Door" heißt sie, grüne Tür. Bei Müller-Scherz treffen sich Künstler, Filmleute, Werbemenschen. Die Barkultur habe ihn neben dem Filmgeschäft von Kindesbeinen an interessiert. "Das hat mir mein Vater beigebracht." Und auch in diesem Geschäft hat Müller-Scherz seine eigenen Ideen umgesetzt. So erfolgreich, dass die britische Zeitung "Independent" seinen Laden zu den 50 besten Bars dieser Welt zählt.